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1  Turn | Besonderheiten

Tüte auf StuhlEin turn [1] entsteht aus Veränderungen in sozialen und kulturellen Prozessen, genauer aus „Veränderungen der gesellschaftlichen und medialen Wahrnehmungslage“.[2] So verweist z.B. der iconic turn auf gesellschaftliche Bilderflut und Blickregime.[3]

In dieser Rückbindung an gesellschaftliche Praktiken und Ästhetik geht ein turn über reine Theorietransformationen, etwa entlang von Schulen und Richtungen (z.B. (De)Konstuktivismus) oder Methoden (z.B. Diskursanalyse,) hinaus;[4] Zugleich grenzt sich der turn ab vom Paradigmenwechsel, für den die Vorstellung eines Weltbildes im Sinne eines fest umrissenen Forschungskonsensus und seiner sprunghaften, revolutionären Ablösung kennzeichnend ist.[5]

Ein turn hingegen kann im Spannungsfeld zwischen verschiedenen Disziplinen in simultanen Konstellationen mit anderen turns „systematische Fokussierungen vor[schlagen] und […] Analysekategorien verhandlungsbereit, übersetzbar, also anschlussfähig [halten]. In einer pluralisierten Wissenschaftslandschaft eignen sie sich somit als ‚Korridore’ für eine transnational angelegte Wissenschaftskommunikation.“[6]

In der aktuellen Forschungslandschaft lassen sich mehrere turns ausmachen, deren Vielfalt und Simultaneität quer durch die verschiedenen akademischen Disziplinen zum einem der Pluralisierung der kulturellen Prozesse und Lebensbereiche entspricht, die mit dem Ende der einen vorherrschenden Metaerzählung in den gesellschaftlichen Vorstellungen einhergeht.

Zum anderen folgen die turns in ihrer Anordnung einer Verschiebung, die selbst als „spatial turn“ beschrieben werden kann. [7] Verräumlichung – „Always spatialise!“ (Frederic Jameson)[8] kennzeichnet die Postmoderne, die seit Ende der 80er Jahre das gesellschaftliche Selbstverständnis zunehmend bestimmt. Während für die Moderne die Orientierung an Evolution und Fortschritt und damit die Idee von Zeit als einer diachronen, auf Entwicklung und Fortschritt hin orientierten Abfolge grundlegend war[9], setzt nun ein „Raumdenken“ ein: Der Raum, nicht mehr physisch- territorial verstanden, sondern als relationales und synchrones Beziehungsgefüge wird zum entscheidenden theoretischen Konzept und Erkenntnismedium.[10]

Für die Wissenschaft folgt hieraus die Ausrichtung auf interdisziplinäre, vernetzte Arbeit, „… in eklektischen Konstellationen. So kann man durchaus mit mehreren turns zugleich arbeiten. Es gibt keine Fortschrittsachse, auf der man jeweils immer nach dem neuesten turn zu greifen hätte.“[11] Die interdisziplinäre Arbeitsweise geht einher mit einer transnationalen Wissenschaftskommunikation. In diesem Kontext können auch die kollaborativen Arbeitsweisen und Konzepte einer „open Reasearch“ und „open Science“[12] gesehen werden, wie sie durch die sozialen Medien des Internets unterstützt und erweitert werden.


Die einzelnen Arbeitsschritte poste ich in lockerer Folge hier in den Blog, offen für Kommentare und Diskussion.

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[1] Argumente für die Verwendung des englischen Begriffs turn führt Doris Bachmann-Medick 2009:32 an; neben dem Anschluss an die internationale Diskussion sind es v.a. unpassende Konnotationen, die „Wende“ oder „Kehre“ frei setzen, während in turn die lebensweltlich- pragmatische Ausrichtung mit schwingt.

[2] Doris Bachmann-Medick 2010: 03

[3] ibid.

[4] ibid.

[5] Doris Bachmann-Medick 2009:17;
Thomas S. Kuhn 1967

[6] Doris Bachmann-Medick 2010: 03

[7] ibid. 06, Doris Bachmann-Medick 2009:284

[8] Zitiert von Doris Bachmann-Medick 2009:284

[9] Doris Bachmann-Medick 2009: 05; 08

[10] vgl. Doris Bachmann-Medick 2009:284 – 317

[11] Doris Bachmann-Medick 2010: 03

[12] vgl. exemplarisch: Michael Nielsen 2011

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Literatur
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