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2 | Dingbedeutsamkeit

Tüte auf Stuhl„Material“ turn verweist auf die Dinge, und zwar wie sie als Konzept, Analysekategorie, Medium gesellschaftlich wirksam sind, indem sie in kulturelle Praktiken eingreifen, neue Wahrnehmungsräume eröffnen, Wissen und Technologie transferieren.

Doch was genau sind Dinge?

Obwohl die Dinge von uns geschaffen werden, erweist sich die Antwort keineswegs als leicht. Denn die Dinge prägen uns zugleich. Diese „Reziprozität der materiellen Kultur (Menschen formen Dinge – Dinge formen Menschen)“[1] erfordert, die Dinge im Spannungsfeld von Materialität und kultureller Bedeutung zu verorten.

Der Blick auf die Herkunft der Dinge aus unserer Produktion kann nicht die Geltung erklären[2], die in jedem Ding als „Überschuss“ steckt, als die „Dingbedeutsamkeit“, die über eine instrumentellen Bezug hinausgeht,[3] sich aber auch nicht darin erschöpft, dass Dinge gleichsam „eingefrorene Handlungen“, “…nichts anderes als Materialisierungen von Ideen, Handlungen und mentalen Prozessen sind.“[4] Vielmehr zeichnen sich Dinge durch „materielle Eigenqualitäten, Beziehungsqualitäten und Funktionsqualitäten“ aus.[5]

Um die Dinge in ihrer Komplexität zu begreifen, müssen jeweils „die Kontexte des Gebrauchs, der individuellen und kollektiven Aneignung und des Sinns, der emotionalen und ästhetischen Besetzung“[6], kurz, das soziale setting ihrer Verwendung und die Intentionen ihrer Verwender einbezogen werden. [7] Historisch betrachtet, verläuft eine solche Kontextualisierung als De- und Rekontextualisierung, so dass sich die Bedeutungen und Funktionen der Dinge beständig verändern.[8]

Diese Transformation wird nur greifbar, indem der wissenschaftliche Blick nicht dem einzelnen Ding gilt, sondern dem gesamten System der Dinge:[9]

„Things, not mind you, individual things, but the whole system of things, with their internal order, make us the people we are“.[10]

Bourdieu zeigte bereits in seinen frühen, noch strukturalistisch beeinflussten, Arbeiten[11] auf, wie die Dinge durch alltägliche Praktiken des Umgangs mit ihnen erst „uns“ in der Sozialisation machen, bevor wir in der Lage sind, dass wir die Dinge machen.[12] Damit ist nicht eine bloße Abfolge, sondern eine Dynamik beschrieben: Die Dinge können ihre prägende Wirkung nur dann entfalten, wenn ein aktiver Umgang mit ihnen erfolgt; gleichwohl verlaufen diese Aktivitäten für die Akteure insofern unbewusst, als sie Mustern folgen, die das System der Dinge ihnen gegenüber als quasi „zweite Natur“ verfestigt hat. Seine gesellschaftliche Wirksamkeit und prägende Kraft ist umso effektiver, je mehr das System der Dinge eine „Bescheidenheit“ (humility of things) entwickelt, wie D. Miller es nennt:

„The surprising conclusion is that objects are important, not because they are evident or physically constrain […] but quite opposite. […] The less we are aware of them, the more powerfully they can determine our expectations, by setting the scene and ensuring appropriate behaviour. [..] They determine what takes place to the extent that we are unconscious of their capability to do so.”[13]

Im Umgang mit den Dingen wird von den Akteuren eine Gesamtheit von Dispositionen erworben, die sie verinnerlichen, so dass sie als „Habitus“ unbewusst Wahrnehmung, Verhalten, Emotionen strukturieren und steuern können.[14]

Die in der habitualisieren Alltagspraxis produzierten Dinge verselbständigen sich wiederum gegenüber der Tätigkeit, die sie hervorbrachte und den Menschen, die sie ausführten. „Sofern menschliches Leben weltlich und weltbildend ist, hat es sich auf einen Prozess stetiger Verdinglichung eingelassen.“[15] Indem die Dinge die Zeit ihrer Produktion und oftmals auch die Lebenszeit der Produzenten überdauern, können sie sowohl strukturell den Transfer, als auch historisch die Tradition von kulturellen Praktiken mittragen.

Wissenschaftliche Erklärungsmuster, die den Zusammenhang aufdecken und die spezifische Weise erläutern wollen, in der sich die Materialität und Bedeutung der Dinge bei den Akteuren verbinden, folgen dabei je nach Disziplin unterschiedlichen Wegen.[16]


Die einzelnen Arbeitsschritte poste ich in lockerer Folge hier in den Blog, offen für Kommentare und Diskussion.

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[1] Andrea Hauser 2005:137

[2] Schon Nietzsche 1988:237 bemerkte, dass das Wissen allein um die Herkunft der Dinge aus menschlicher Produktion nicht ihre Geltung erklärt. Vgl. Martin Scharfe 2002:99

[3] Andrea Hauser 2005:143

[4] Gottfried Korff 2002:31

[5] Gottfried Korff 1992: 8, zitiert in: Andrea Hauser 2002:143

[6] Andrea Hauser 2005:146

[7] Hans Peter Hahn 2002: 62

[8] Andrea Hauser 2005:146

[9] Claude Lévi-Strauss 1958 lenkte mit seinem strukturalistischen Ansatz in der Anthropologie erstmals durchgängig den Blick auf die Beziehungen zwischen den Dingen lenkte und betrachtete sie nicht mehr als einzelne und isolierte Objekte, um auf ihre soziale Bedeutung zu schließen.

[10] Daniel Miller 2010:53

[11] Pierre Bourdieu 1970: die in seiner 1963/64 verfassten Studie „La maison kabyle ou le monde renversé  vertretene Position hat er in seinen späteren Arbeiten kritisch erweitert und systematisiert.

[12] Daniel Miller 2010:53 bezogen auf Pierre Bourdieus Studie „La maison kabyle ou le monde renversé

[13] Daniel Miller 2010:50

[14] Der Habitus bildet ein „sozial konstituiertes System von strukturierten und strukturierenden Dispositionen, das durch Praxis erworben wird und konstant auf praktische Funktionen ausgerichtet ist.“ Pierre Bourdieu/ Loic J.D. Wacqant 1996:154; auf die (politische) Kritik an Bourdieus Habitus-Konzept, ob und inwieweit es ihm trotz seiner Vermittlung von objektiven sozialen Grenzen und subjektiven Wahrnehmungsweisen und Praktiken nicht gelingt, sozialen Wandel, kritische Praxis und Handlungsfreiheit einzubeziehen und Klassenpositionen adäquat zu erfassen, kann an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Vgl. Klaus Eder, (Hg.) (1989); zur aktuellen Diskussion vgl. Helmut Draxler 2008: 265-273

[15] Hannah Arendt 1960/1981: 88, zitiert in:

[16] Andrea Hauser 2005:141

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Literatur
Links “material turn”