//Das Vergehen der Zeit | Passage and Crime

Vergehen {n}
– Vorbeigehen, sich Auflösen
– Straftat, Gewalt antun

Dissolving Calendar | David Jacob 2014

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Zeit im Vorbeigehen | Vorbeigehen der Zeit  ongoing since 2007 | juttafranzen

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//material turn | Dinge [1]

// Fortsetzung von: //material turn | Dinge [0]

1  Turn | Besonderheiten

Tüte auf StuhlEin turn [1] entsteht aus Veränderungen in sozialen und kulturellen Prozessen, genauer aus „Veränderungen der gesellschaftlichen und medialen Wahrnehmungslage“.[2] So verweist z.B. der iconic turn auf gesellschaftliche Bilderflut und Blickregime.[3]

In dieser Rückbindung an gesellschaftliche Praktiken und Ästhetik geht ein turn über reine Theorietransformationen, etwa entlang von Schulen und Richtungen (z.B. (De)Konstuktivismus) oder Methoden (z.B. Diskursanalyse,) hinaus;[4] Zugleich grenzt sich der turn ab vom Paradigmenwechsel, für den die Vorstellung eines Weltbildes im Sinne eines fest umrissenen Forschungskonsensus und seiner sprunghaften, revolutionären Ablösung kennzeichnend ist.[5]

Ein turn hingegen kann im Spannungsfeld zwischen verschiedenen Disziplinen in simultanen Konstellationen mit anderen turns „systematische Fokussierungen vor[schlagen] und […] Analysekategorien verhandlungsbereit, übersetzbar, also anschlussfähig [halten]. In einer pluralisierten Wissenschaftslandschaft eignen sie sich somit als ‚Korridore’ für eine transnational angelegte Wissenschaftskommunikation.“[6]

In der aktuellen Forschungslandschaft lassen sich mehrere turns ausmachen, deren Vielfalt und Simultaneität quer durch die verschiedenen akademischen Disziplinen zum einem der Pluralisierung der kulturellen Prozesse und Lebensbereiche entspricht, die mit dem Ende der einen vorherrschenden Metaerzählung in den gesellschaftlichen Vorstellungen einhergeht.

Zum anderen folgen die turns in ihrer Anordnung einer Verschiebung, die selbst als „spatial turn“ beschrieben werden kann. [7] Verräumlichung – „Always spatialise!“ (Frederic Jameson)[8] kennzeichnet die Postmoderne, die seit Ende der 80er Jahre das gesellschaftliche Selbstverständnis zunehmend bestimmt. Während für die Moderne die Orientierung an Evolution und Fortschritt und damit die Idee von Zeit als einer diachronen, auf Entwicklung und Fortschritt hin orientierten Abfolge grundlegend war[9], setzt nun ein „Raumdenken“ ein: Der Raum, nicht mehr physisch- territorial verstanden, sondern als relationales und synchrones Beziehungsgefüge wird zum entscheidenden theoretischen Konzept und Erkenntnismedium.[10]

Für die Wissenschaft folgt hieraus die Ausrichtung auf interdisziplinäre, vernetzte Arbeit, „… in eklektischen Konstellationen. So kann man durchaus mit mehreren turns zugleich arbeiten. Es gibt keine Fortschrittsachse, auf der man jeweils immer nach dem neuesten turn zu greifen hätte.“[11] Die interdisziplinäre Arbeitsweise geht einher mit einer transnationalen Wissenschaftskommunikation. In diesem Kontext können auch die kollaborativen Arbeitsweisen und Konzepte einer „open Reasearch“ und „open Science“[12] gesehen werden, wie sie durch die sozialen Medien des Internets unterstützt und erweitert werden.


Die einzelnen Arbeitsschritte poste ich in lockerer Folge hier in den Blog, offen für Kommentare und Diskussion.

//material turn | Dinge [0] [1] [2]


[1] Argumente für die Verwendung des englischen Begriffs turn führt Doris Bachmann-Medick 2009:32 an; neben dem Anschluss an die internationale Diskussion sind es v.a. unpassende Konnotationen, die „Wende“ oder „Kehre“ frei setzen, während in turn die lebensweltlich- pragmatische Ausrichtung mit schwingt.

[2] Doris Bachmann-Medick 2010: 03

[3] ibid.

[4] ibid.

[5] Doris Bachmann-Medick 2009:17;
Thomas S. Kuhn 1967

[6] Doris Bachmann-Medick 2010: 03

[7] ibid. 06, Doris Bachmann-Medick 2009:284

[8] Zitiert von Doris Bachmann-Medick 2009:284

[9] Doris Bachmann-Medick 2009: 05; 08

[10] vgl. Doris Bachmann-Medick 2009:284 – 317

[11] Doris Bachmann-Medick 2010: 03

[12] vgl. exemplarisch: Michael Nielsen 2011

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Literatur
Links “material turn”

//material turn | Dinge [0]

0 | Intro

Tüte auf StuhlEtwa seit der Jahrtausendwende haben die Dinge in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften „Konjunktur“ [1]. Dabei rücken die Dinge nicht nur anstelle der Ideen als Gegenstand in den Focus der verschiedenen Untersuchungsfelder, es vollzieht sich vielmehr ein „material turn“, in dessen Verlauf die Dinge und die Praktiken der materiellen Kultur selbst zu Analysekategorien und Konzepten in den verschiedenen akademischen Disziplinen werden: „Von einem turn kann man […] sprechen, wenn der neue Forschungsfokus […] nicht mehr nur neue Erkenntnisobjekte ausweist, sondern selbst zum Erkenntnismittel und –medium wird.“[2]

Damit ist die Frage aufgeworfen, welche methodisch und inhaltlich fruchtbaren Impulse können von den Dingen ausgehen, wenn es darum geht, mit ihnen kulturelle Praktiken, gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und sie als Medium zu nutzen, um sowohl neue Wahrnehmungsräume zu erschließen als auch Wissen und Technologien zu transferieren?

Um sich einer Antwort anzunähern, werden zunächst diese grundlegenden Aspekte des „material turn“ betrachtet.

//Abgrenzungsmerkmale und Besonderheiten eines turn in den Wissenschaften;
//Dinge in ihrer Materialität oder das, was das „material“ am turn ausmacht;

Von hier aus werden dann Thesen und Beispiele vorgestellt zu den

//Möglichkeiten des „re-turn“ in gesellschaftliche, ökonomische und mediale Handlungsfelder.

Die einzelnen Arbeitsschritte poste ich in lockerer Folge hier in den Blog, offen für Kommentare und Diskussion.

//material turn | Dinge [0]  [1] [2]


[1] Anke te Heesen, Petra Lutz 2005:14

[2] Doris Bachmann-Medick 2009:26

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Literatur
Links “material turn”

// Dinge und die Geschichte New Yorks

A History of New York in 50 ObjectsWährend ich gerade an einem Text über den “material turn” schreibe und wie die Dinge unsere Wahrnehmung, Alltagspraktiken und das Wissen prägen, erscheint in der NY Times sehr passend dieser großartige Artikel “A History of New York in 50 Objects” von Sam Roberts.

Bislang sind es 50 Dinge, die nicht nur als Gegenstand betrachtet werden, sondern die Erlebtes, Erfahrungen und Wissen vermitteln, aus dem sich wichtige Stationen der historischen Entwicklung der Stadt erkennen lassen.

Ob es nun persönliche Dinge sind, technische Geräte oder öffentliche – diese Dinge prägen soziale Prozesse, kulturelle Praktiken und transferieren Wissen:

Das Paar Schuhe eines kleinen Mädchens, das 1904 bei einem Schiffunglück ertrank und die von der überlebenden Schwester aufbewahrt wurden,verweisen über das private Schicksal hinaus auf die Entwcklung der sozialen Community “Little Germany” (und ihr Verschwinden).

Die Boom-Box mit der in den 80er Jahren Munsik mobil gehört werden konnte und mit denen  die Teenager durch die Straßen zogen

oder der Papp-Kaffee-Becher eines griechischen Restaurants von 1960 als Vorläufer der heutigen “To Go” – Ess-und Trunkkultur lassen als Dinge erkennen, wann und wo alltägliche Handlungsweisen, die uns nahezu natürlich erscheinen, ihren kulturellen Anfang nahmen.

Das  Straßenschild Loisaida Avenue das 1987 errichtet wurde, erschöpft sich nicht in seiner praktischen Funktion des Wegweisers, sondern verweist auf den Weg, den die lateinamerikanischen Einwanderer bei ihrer Integration in das Leben der Stadt zurück gelegt haben.

Die Geschichte ist mit 50 Dingen noch nicht zu Ende erzählt – schön, wenn es noch mehr werden!